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Die evangelisch-reformierte Kirche, deren rund 4500 Anhänger kaum noch die einstige politische und kulturelle Bedeutung ahnen lassen, ist in ganz Polen in der Diaspora. Dies war nicht immer so: Im 16. Jahrhundert, ihrer Blütezeit, hatten die Lehren Zwinglis und Calvins insbesondere unter der adligen und geistigen Elite viele Anhänger gefunden. So etwa Mikolaj Rej, von Zeitgenossen als ?polnischer Dante? bezeichnet, der auf seinen Gütern eifrig kalvinistische Gemeinden gründete. Oder Jan Laski (Johannes-a-Lasco), der Reformator Ostfrieslands, der in Polen starb, ohne die zerstrittenen Protestanten einen zu können. Obwohl der Adelsstand, die szlachta, in der Warschauer Konföderationsakte 1573 völlige Bekenntnisfreiheit errungen hatte und Polen zeitweise sogar als paradisus hereticorum galt, konnte sich die Gegenreformation durchsetzen. Der Einfall der protestantischen Schweden in der Mitte des 17. Jahrhunderts führte dann zur ersten nationalen Einigung unter dem Banner des Katholizismus. Die zweitgrösste reformierte Kirchgemeinde nach der Warschauer befindet sich in Zelow, einer 8000 Einwohner zählenden Kleinstadt unweit von Lodz in Zentralpolen. Hier leben Nachfahren der Böhmischen Brüder, die mit der nach 1740 einsetzenden Auswanderungswelle zuerst ins preussische Schlesien gekommen waren, dann aber weiterzogen und schliesslich 1803 das Gut Zelow kauften. Im Unterschied zu anderen Regionen überlagerten sich hier ethnische und religiöse Zugehörigkeit: die Tschechen waren reformiert, die Polen katholisch und die vor dem Krieg beachtliche deutsche Minderheit lutheranisch. Hinzu kam eine zahlreiche jüdische Bevölkerung. Die Minderheitenpolitik des Dritten Reichs spielte die Volksgruppen gegeneinander aus, indem die Tschechen weniger schlecht behandelt wurden als die Polen. Nach dem Krieg kam es unter nationalistischen Vorzeichen zu einem Massenexodus der reformierten Zelowianer, denen zu Unrecht Kollaboration vorgeworfen wurde. Pfarrer Miroslaw Jelinek, der seit 1982 die rund 400-köpfige reformierte Gemeinde Zelows betreut, deutet auf einen dreistöckigen neuen Backsteinbau, der mehr ist als ein herkömmliches Pfarrhaus. Er beherbergt eine Vorschule, die nach modernen pädagogischen Grundsätzen arbeitet, hier finden Konzerte und Lesungen statt, im Sommer auch englische und deutsche Sprachlager für die Jugend. Das ist viel Aktivität in einer Gegend, die unter einer strukturellen Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent leidet, seit die Webereien und Textilfabriken, die hier immer Arbeit gaben und vor dem Krieg auch für Wohlstand sorgten, Anfang der 90er Jahre die Pforten schlossen. Jelinek unterstreicht die Bedeutung von Projekten, die die immer noch existierenden Barrieren zwischen den Konfessionsgruppen überwinden helfen. Z.B. die Vorschule, die hauptsächlich von katholischen Kindern besucht wird. Von Anfang an habe man sich auch bewusst für Bibel- statt Konfessionskunde entschieden. Von überregionaler Bedeutung ist das Dokumentationszentrum der Geschichte der Tschechischen Brüder, das auf dem unlängst umgebauten Dachgeschoss der reformierten Kirche eingerichtet wurde. Die offizielle Eröffnung des Museums, das von den Behörden bislang keine Unterstützung erfahren hat, soll im Rahmen der 200-Jahrfeiern der tschechischen Siedlungsgeschichte stattfinden. Bereits hat sich Vaclav Havel angekündigt, dessen erste Visite in den 90er Jahren Zelow schon einmal in die Schlagzeilen gebracht hatte. Für weit grössere mediale Aufregung dürfte freilich ein anderes Ereignis sorgen, das in Zelow ansteht: die erste Ordination einer Pastorin. Die Pfarrersgattin Wiera Jelinek, selbst ausgebildete Theologin, beschränkte sich nie auf ihre Rolle als vom Kuratorium angestellte Katechetin, sondern war auch seelsorgerisch tätig und leitete Gottesdienste. U. Schwendimann
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